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  [ Bänkelsang nach "beinschuss" ]

Wo und wie waren wir nun eigentlich vor Ort? Konsequent veröffentlichen wir unser Kurztagebuch um zu zeigen, welche Lebensart kulturelle Begegnungen jenseits des Kampfes um Budget-Ressourcen haben können - vorausgesetzt man blendet die Konkurrenzen einfach mal ausdrücklich aus, was naturgemäß in der Fremde besser funktioniert ...

Sonntag
Feldafing und die Villa Waldberta

Gleich früh Morgens ein langer Spaziergang am Starnberger See mit Gino, dem Hund von Claudia und Fränki, dem Hausmeisterpaar der Villa. Am späten Nachmittag wird die große Tafel in der Villa für ein gemeinsames Kaffeetrinken hergerichtet, Karin Sommer (Leitung der Villa) ist eine begeisterte Kuchenbäckerin. Noch können sich nicht alle Stipendiat/innen entschließen, länger sitzen zu bleiben - der Produktionsstreß. Nikolay und Galina Skryl aus St. Petersburg stellen in eingeforderten 15 Minuten ihre Weltformel vor, auf die selbst die Form eines Apfels zurückgeführt werden kann. Es dauert aber 20 Minuten und könnte auch den ganzen Resttag füllen. Raus aus dem System, rein ins System? Aber mit Freiheit! Vor zehn Jahren kamen beide nach Deutschland und erlitten ihren persönlichen Kulturschock - das schreit nach einer Matrix! Wir amüsieren uns köstlich. Am Abend beim gemeinsamen Spaghettiessen bringen die Stipendiat/innen aus Wien, Berlin und Cuba wieder Sitzfleisch in den Salon. Unsere Schürzen mit den aufgebügelten Fragen an uns selbst werden anprobiert oder auf die Augen gebunden. Nikolay - ursprünglich Kinderarzt aus Kasachstan und dann studierter Künstler in Moskau schlägt vor, einfach zu kotzen, wenn wir kulturell satt seien. Der Wechsel der Kultur hilft natürlich und auch von Cuba aus gesehen (Ulisses Morales Lamadrid), wo Internet und Handynetz kontrolliert offline sind, wird Kultur plötzlich auf eine ganz unerwartete Art und Weise verbindlich, die bei uns längst verloren gegangen scheint. Eric Bürger (Venezuela und Mallorca) bastelt mit der Tochter von Judith Pfeifer (Wien) Origami und die bringt uns allen noch was bei. Wir trinken weiter am Vorrat des guten Villa-Weins. So muß die Zeit kommen, an dem auch Nikolay eingesteht, dass sein "Sprechen über Kunst" sich in zunehmender Vertrautheit und bei abnehmendem Erfolgsdruck uns und den anderen gegenüber verändert: Bazon Brock ist nicht nur langjähriger Kunstfreund, sondern kann auch sehr mit Unverständlichkeiten nerven. Anders als bei einem Jourfix brachte unsere "Veranstaltung" die aktuellen Stipendiat/innen auch mal privat zusammen ...

Montag
Im Englischen Garten am Chinesischen Turm

Wir treffen uns im Biergarten mit Horst Konietzky, Autor und Regisseur, Jörn Müller, Journalist und Onlineredakteur beim Goethe-Institut, Silke Peters, Bildende Künstlerin und Fritz Hinrich, einjähriger Sohn von J & S. Bei Brezeln und Mass Bier sprechen wir uns durch die grünen Bierbänke, die vorbeifahrenden Fiaker und den Duft der Schweinshaxen. Horst arbeitet an einem Hörspiel für den BR, das die Wunder der Produktion an den Kammerspielen zum Thema macht: Wer macht was zu einer erfolgreichen Inszenierung? Nach dem Wechsel von Hamburg nach München arbeitet Silke noch an der Anerkennung ihres kunstpädagogischen Diploms aus Hamburg in Bayern. Nicht ganz einfach, sie müßte erneut einige Semester an der Kunsthochschule studieren - zurück in den Kessel der Konkurrenzen. Bis zum 40ten Lebensjahr hat sie noch Zeit. Die Alternative ist sich mit freien Projekten durch die Münchner Kunstszene zu arbeiten. Der ansässige und erfahrene Kollege weiß: Die Jurymitglieder sind für persönliche Betreuung sehr empfänglich. Künstlerkarrieren starten eben individuell und in freudiger Vielfalt. Gesättigt vom Essen und den kulturellen Betriebsproblemen wechseln wir auf eine Wiese, spielen Frisbee und Speed Ball mit Horsts Hund Schali.

Dienstag
Tunnelblick am Rößlberg

Wir werden von Gisela Müller (Schriftstellerin) an der Villa Waldberta abgeholt. In Tutzing essen wir Eis und setzen uns an den Starnberger See. Der besondere Blick an der Evangelischen Akademie durch den Rahmen der Bäume an der Promenade. Der rastagelockte Fischbudenbesitzer gibt uns unter der Hand ein Fünferpack ungeräucherte und frisch gefangene Renke für 12 Euro. Handschriftlich erhalten wir ein Haltbarkeitszertifikat ("Ich bin Metzger, ich darf das und muß das auch machen"). Auf dem Rößlberg bauen wir am ersten trockenen Sonnentag unser Zelt auf die große Wiese im Innenhof des Gutes. Thomas (Statiker und Architekt) kommt von der Arbeit und wirft den Grill an. Die "Gutsherrschaften" schauen vorbei. Naturgemäß würzen wir das Essen mit der Gerüchteküche des Münchner Kunstbetriebs (und werden weiter dazu beitragen, dass dieser Ofen nicht aus geht). Übernachtung dann am Hang mit Blick auf die Alpen. Beim Tunnelrückbau am Folgemorgen schaut Annemarie vorbei (Soziologin mit Schwerpunkt Entwicklungshilfe, wohnt seit 30 Jahren mit ihrer Familie als Untermieterin im Gesindetrakt). Bei der Ankunft wiesen wir auf die bauliche Ähnlichkeit zu den aktuell durch die Presse wandernden Flüchtlingszelten in Somalia hin. Nun ihr Vorschlag an uns, während unserer Tour durch München eine Spendenbüchse für Somalia aufzustellen. „Kann man da nicht mehr draus machen? Ist das so schlecht? Sonst ist es mir zu wenig, wenn es nur Kunst ist. Ihr könntet auch das Zelt in Serie in Indien nähen lassen und (mit einem kleinen Gewinn selbstverständlich) nach Somalia verkaufen.“ Die Sorge der Selbstvermarktung hatten wir bereits bei unabsichtlich belauschten Gesprächen in der Stadt als zentrales Thema zur Kenntnis nehmen müssen. Anschließend noch ein Spaziergang auf den Gipfel des Rößlbergs, der durch einen großen Teich markiert wird. Mitten im Wald ein Bad zu dritt! Die Landschaftsbeschreibung des zu Tal rauschenden Baches wäre von zu großer romantischer Länge, um sie hier zu platzieren …

Mittwoch
In Freising-Arkadien

Im Hinterhof von Uli Knoll, George Froscher und Kurt Bildstein - das Freie Theater München (FTM) - kommen zum gemeinsamen Grillen. Ulis Frau Elfie kommt später dazu. Wir sitzen in einer kleinen Laube, der Glaserei des Vermieters gegenüber, auf einem kleinen Rasenstück steht unser 2-Personenzelt für die Übernachtung direkt am Vogelhäuschen. Am Gartentisch in der gemütlichen Hofecke ragen uns mit Weintrauben im frühen Reifestadium voll behangene Reben ins Gesicht, Birnen vom Baum, der sich an die Hauswand schmiegt fallen uns auf den Kopf. Uli Knoll ist unter vielem anderen Pressebeauftragter des zur Zeit der Olypmiade 1972 gründeten FTM: "Da gab’s mich noch gar nicht.“ Quereinsteiger, der sich überraschen läßt. George (84) zeigt sich traurig darüber, dass heute wenig über die Kunst als vielmehr über die Vermarktung gesprochen wird. Das FTM feiert heuer sein 40-jähriges Bestehen. Schon vor der Wende oft nach Osteuropa eingeladen, waren dort trotz "Systemdruck" die Gespräche konstruktiver und mit Zeit fürs Ausdiskutieren versehen. Mitte Juli mit der Inszenierung "Heiner Müller - Traumtexte" im i-camp vertreten, hatten Kurt und George mit per Annonce eingeworbenen Darstellern drei Monate lang intensiv geprobt und (wieder mal) feststellen müssen, dass "Laien" frischer und unverbrauchter bei der Sache sind (sogar die Zigarettenpausen konnten ohne Murren unterbleiben).

 

Donnerstag
Postwiese unter Wasser

Nach einem schwülen Sommermorgen beginnt es um 16 Uhr plötzlich und bestimmt zu regnen. Wir können unser Tunnelzelt nicht aufstellen und verlegen unsere Aktion in den neuen buch.laden von Bettina in der Lothringer Straße 17. Die Buchhändlerin wird zur Kulturberaterin. So bei einer Kundin, die dringend noch für den Abend ein Geschenk für ein Paar zum Hochzeitstag finden muss. Sie erfragt die Charaktere und Interessen des Paares, drückt der Kundin ein Buch über Salz in die Hand und rät ihr zur Beschriftung der Grußkarte: “Auf dass Ihr noch lange für einander das Salz in der Suppe seid.“ Nächstentags erscheint die Kundin begeistert: das Geschenk kam blendend an. Die Überforderung, die den Lesewilligen im einem Buchladen anfällt, findet auch beim Überangebot in der Kunst statt, denken wir uns: Hauptsache öffentlich - create and forget eben, irgendjemand wird sich schon in der entsprechenden Lebensphase befinden und anspringen. Bettina "kuratiert" die Lesewünsche, trifft eine Vorauswahl - nach ihrem geschulten und sich beständig weiterbildenden Geschmack versteht sich. Wir selbst erliegen den Verführungskünsten und kaufen für Nichten und Neffen ...

Freitag
Schwere Reiter … "online" die Erste

Zum Frühstück gehen wir zurück nach Haidhausen unsere sieben Sachen einsammeln. Anschließend besuchen wir noch Robert Hofmann (Leiter des Theaters i-camp und Kulturaktivist) in der Metzstraße an seinem öffentlichen Erdgeschoßfenster: "Ihr habt alle Angst vorm Chef" ist auf den Fries gesprüht. Hier finden spontan Kunstaktionen statt. Robert hat eben dafür vom ersten Stock heruntergewechselt, als die Wohnung frei wurde. Schon der Vater ist im Viertel aufgewachsen und der Erhalt einer Verbalnachrichtenbörse zwischen den alt Eingesessenen bezeichnet er als existentiell (worin wir ihm Recht geben). Der Widerstand gegen einen zweiten S-Bahn-Tunnel unter Haidhausen, der das öffentliche Leben 8 Jahre lahm legen würde, hat hier Station. Nachmittags sitzen wir hinter der Frauenkirche München in einem Cafe und überdenken den Donnerstag: Ja, es löst sich alles von alleine wieder auf. Ein Kunstgegenstand kann, muß aber nicht vorgewiesen werden, um das Kulturelle zu pflegen. Man bestellt eine Ofenkartoffel, die Zubereitung soll 20 Minuten dauern und man bestellt sie wieder ab - trotzdem hat man sich gut unterhalten; es regnet und man stellt das Tunnelzelt nicht auf und alles geht trotzdem seinen Gang. Unseren Tunnel aufzustellen hätte natürlich eine andere Erinnerung beim Publikum zur Folge gehabt, die Wahrnehmung als "Event" - aber in Folge auch weitreichendere Erlebnisse an diesem Abend provoziert? Das Objekt verstellt mitunter die Inhalte - so ein Fazit - ohne Objekt gewinnt das Persönliche und Inoffizielle (und damit auch die Aufrichtigkeit im Sprechen, so scheint uns). Die Pause von der "Produkt-Präsentation" gehört mit zur Arbeit. Punkt 16 Uhr beginnt es auch heute wieder zu regnen.

17:30 Uhr Aufbau der Tunnelsegmente in der Probebühne des Theaters Schwere Reiter am Olympiapark. Das letzte innerstädtische Gelände harrt der Aufwertung und die Investoren sind schon am Start. Die Freie Szene soll "professionalisiert" werden, um den Publikumsverkehr zu optimieren. Wie auch andernorts fragt man da erst mal "Reingeschmeckte" ohne Anbindung an Bestehendes. Der Raum wurde wohl einstmals von Kunststudenten genutzt, die wohl auch den Deckenträger beschrifteten: FRIEDE FREUDE EIERKUCHEN. Das kommt ja pflichgemäß in jeder Kunstakademie vor. Unsere Tunnelkonstruktion steht auch ohne Bodenheringe, drei Abspannungen im Raum an Säule und Heizkörper reichen aus, um sicheren Stand zu gewährleisten. Die Besucher tröpfeln herein und werden mit einem "willkommen in unserem Urlaubszelt - Sie treffen uns privat" begrüßt. Die Gespräche über unseren Versuch "der Kultur zu entfliehen" (im Zeitalter der Eventisierung) werden mit Staunen zur Kenntnis genommen. Eine Dame mag Events und will ohne Kultur nicht leben. Die nebenan stattfindende Präsentation der Internetseite des Bundes www.kultur-kreativ-wirtschaft.de als Teil der Lecture-Performance von Tatjana Turanskyj und Sven Seeger bringt es auf den Punkt: der Ärger über die Vereinnahmung ist dem Publikum völlig fremd ist. Kreativer Leistungsdruck und Verwertbarkeit. Sven tanzt begleitend die Absurdität bis zur Erschöpfung. Ein ansäßiger Meister der Verwertung sitzt mit eingefrorenem Gesicht im Publikum. Micha Purucker und Beate Höhn zeigen sich affenhaft im Dunst einer Nebelmaschine (die ja bei keinem Großereignis fehlen darf). Dazu erzählen Kinder vom Tonband, wie sie sich die Zukunft vorstellen. Die Affen schauen auch in unserer Installation vorbei und spielen Memory. Das war der offizielle Teil. Nun geht es bis Morgens um vier. Erstmals ist unser "Flüchtlingstunnel" bevölkert. Und auch unser "Abwasch 2.0" - Fazite auf Geschirrtüchern - macht Fortschritte. Der Taxifahrer findet bei unserem überzwerchen Gewitzel vor Lachen gegen halb fünf unser Nachtlager nicht: "Da gibt es vorbeugende Schilder: Während der Fahrt nicht mit dem Fahrer sprechen" - "Ich fahre ja sonst auch in Hamburg" ist die Antwort … ja, auch die Bayern haben Humor.

Samstag
Pauschaltourismus - Create and Forget …

Der Kulturplan lautet: Pinakotheken abklappern, ein Aufwasch möglichst preisgünstig (wenn man schon mal da ist) - 12 Euro für alle 5 Museen, prima! Die alten Meister lassen wir weg, Start Romantik und Klassische Moderne in der Neuen Pinakothek. Dann die Pinakothek der Moderne, Chamberlain Sonderausstellung und die Minimalisten der 70er in vielen Zeichnungen: Die Zeit des Studiums, die Vorbilder von damals, Fred Sandbeck - einfach mal konzentriert den Raum mit ein paar Schnüren (de)konstruieren ... und noch einen oben drauf: Die Sammlung Brandhorst, für die gleich nach Eröffnung 2008 auch in Hamburg auf Großplakaten geworben wurde. Ein Haus voller Cy Twombly. Die Eckpunkte der künstlerischen Freiheit kann sich das Volk über holzgetäfelte Treppeneinheiten ersteigen. Im ersten Stock Ausguckterassen für den Lifestylisten ... sooo viel Raum ... Der andere Eckpunkt: Andy Warhol. Wir brauchen 15 Minuten für die drei Stockwerke. Cy, du bist ein Schlingel; wie hast du das geschafft! Dann viel zu spät nach Haidhausen, nochmal Kulturbetriebliches regeln. Aber für einen Abstecher zu Doro Wirth in die balan trinkstube in den Balanstraße ("Franzosenviertel") muß Zeit sein, denn in der südlichsten St.Pauli Fan-Kneipe werden die Pokalspiele übertragen … den Ausgang kennt man. Dies ist der Ort, der wirklich an Hamburg gemahnt. Da eilt uns die Rückreise voraus. Den zweiten öffentlichen Abend im Schwere Reiter sehen wir bereits als Pflichtprogramm und wären lieber weiter rumgezogen und der Kultur entflohen … "Wer sich aufregt, ist unprofessionell" kritisiert Tatjana Turanskyj das unterkühlte Professionsgehabe und wird von der Zeit-Online zitiert. Wir haben uns fast wieder ein bißchen aufgeregt, dann aber beruhigt, um uns selbst und unseren Münchner Freunden streßfrei und gegenseitig Publikum genug zu sein ...

 

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