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[* 2011-09-20 verbetten 1 ]

Diese Aktion findet im Rahmen der Programmwoche {Die Nacht und das Flüstern}* im öffentlichen Stadtraum von Basel im Erlenmattpark auf dem NT-Areal statt. Gegenstand ist ein künstlerisches Fazit zur Aufwertung des Geländes, die nun in die heiße Phase geht.

Da die Anwohnerbefragungen und ihre Initiativen zum Erhalt des Geländes abgeschlossen sind, bleibt lediglich, sich mit kulturellen Vorstellungen von "Landschaft" im Allgemeinen zu beschäftigen und sie der aktuell realisierten Landschaft gegenüber zu stellen. Gespräche mit Anwohner/innen waren bei unseren Aufenthalten (auch schon im März 2011) die Ausnahme - schon weil im Park auch bei bestem Wetter kaum jemand anzutreffen war. Genutzt wird das Gelände nach unserer Beobachtung in der Hauptsache von Kindertagesstätten, die hierher kleine Ausflüge machen und um den Hund Gassi zu führen. Insgesamt schien uns - auch bei Gesprächen in der "Sommerresidenz" des "carambolage" beim Speicher - eine ziemliche Resignation darüber zu herrschen, dass es nun vorbei ist mit den selbstbestimmten Freiräumen.

Im Vorfeld gesammelte Aussagen einiger weniger zufälliger Spaziergänger/innen und ausgesuchte Zitate zur Landschaft aus den Schriften von Lucius Burckhardt, der in Basel bis heute eine öffentlich bekannte Instanz ist, ergänzen das Ensemble aus aufgekleisterten Aktenrückenkopien an der Rückwand der "Parktafel" der Stadtgärtnerei. Für die weltweit praktizierten Aufwertungsstrategien, die oftmals bürgerliche Mitbestimmung nur noch simulieren (alle Argumente sind längst bekannt) ist eine offene Diskussion ein abgehefteter Verwaltungsakt, Argumente und Gegenargumente sind in der Mehrzahl auch über Landesgrenzen hinaus transportierbar. Die gefüllten Regale der Behörden zeigen sich als Verwaltungs-"Landschaft".



[ Bilderschau ]

Die “Ideale Landschaft” ist im Klassizismus ein beliebtes Thema in der Malerei. Die bekanntesten Vertreter sind wohl Nicolas Poussin (1594-1665) und Claude Lorrain (1600-1682). Auch die Romantik - hier besonders Caspar David Friedrich (1774-1840) - komponierte ihre Bilder aus bestimmten Bedeutungselementen, die “Landschaft” inzwischen angenommen hatte, zu Stimmungsbildern mit philosophischem Hintersinn. Das 19. Jahrhundert liebte auch die falsche Patina eines künstlich gefärbten Firnisses, mit dem den Gemälden selbst in Museen ein goldbrauner Galerieton verliehen wurde- insbesondere über den Bildern von Claude Lorrain. Goethe notiert dazu auf seiner zweiten Italienreise, dass die Leute wohl Angst vor dem Bunten hätten ...

Um bei Ausfahrten durch die Landschaft diese im Sinne der zeitgenössischen Malerei zu sehen, nutzten viele Ausflügler im 18. Jahrhundert das Claude-Glas, einen kleinen getönten Spiegel, um die vorbeiziehende Landschaft ausschnitthaft nach ästhetischen Gesichtspunkten zu rahmen und in einer Tönung im Stile der Malerei Claude Lorrains zu betrachten. Für die Aktion steht ein eigens neu entwickeltes Set an Claude-Scherben zu Verfügung ...

[* 2011-09-24 verbetten 2 ]

Zweiter Teil der Aktion verbetten ist das gemeinsame Setzen von Sprachbeeten auf der leicht erhöhten Wiese des Erlenmattparks:

Das Wort "Beet" wird im Schriftdeutschen erst seit dem 17. Jh. formal von "Bett" unterschieden, mit dem es ursprünglich identisch war: mhd. bette, ahd. betti bedeutet sowohl “Liegestatt” wie “Feld- und Gartenbeet”. In oberd. Mundarten gilt ‘Bett’ bis heute für “Beet”. Auch niederl. bed und engl. bed vereinen beide Bedeutungen. Der Vergleich des aufgelockerten, erhöhten Landstückes mit einem Polsterlager war Anlaß zu der Bedeutungsübertragung.
aus: DUDEN, Herkunftswörterbuch

Freiflächen sind in Basel (wie in vielen Städten) heiß umkämpfte Zonen für die verschiedensten Vorstellungen urbanen Lebens. Lucius Buckhardt, der erste Spaziergangswissenschaftler, schreibt über die in Basel 1987 besetzte Stadtgärtnerei (heute St. Johannspark). Die Schilderung der Geschichte durch die Stadtgärtnerei:

Nach dem Umzug der Stadtgärtnerei an ihr neues Domizil in Brüglingen Ende 1985 wurde der IGAS (Interessensgemeinschaft Alte Stadtgärtnerei) durch Entgegenkommen des Baudepartements das ehemalige Areal der Stadtgärtnerei zur befristeten Nutzung überlassen. Aus der wohlwollenden und vertraglich geregelten Überlassung einzelner Abbruchobjekte für gezielte kulturelle Zwischennutzungen entwickelte sich – aus der Sicht der Regierung – nach und nach ein Tummelplatz alternativer, meist jugendlicher Randgruppen, welche sich der staatlichen Kontrolle mehr und mehr entzogen und die das Areal schliesslich in eigenmächtiger Weise besetzten und bewirtschafteten. Da dieser illegal beanspruchte Freiraum nicht nur in Teilen der Bevölkerung, sondern besonders bei deren politischen Exponenten kontroverse Reaktionen auslöste, führte der mitunter von gewaltsamen Demonstrationen begleitete Meinungsstreit beinahe zu einer Regierungskrise, ganz sicher aber zu einer weiteren Verzögerung der Entstehung des Grünparks. Fast gleichzeitig mit dem Ablauf eines Ultimatums, das den Besetzern zur Räumung des Areals gestellt worden war, wurde am 31. August 1987 die Initiative «Kultur- und Naturpark im St. Johann» eingereicht. Diese forderte die Erhaltung aller auf dem Areal noch vorhandenen Abbruchbauten für «selbstbestimmte kulturelle Nutzungen» sowie die Erhaltung der naturnahen Restflächen. Es folgte ein von verschiedenen Komitees und politischen Organisationen heftig geführter Abstimmungskampf, bei dem die Gegner der Initiative eine Legalisierung der alternativen Aktivitäten der Arealbesetzer befürchteten. Bei der Volksabstimmung vom 8. Mai 1988 wurde die Initiative mit 26'291 Nein (56%) gegen 20'657 Ja vom Stimmvolk zwar verworfen, der Interessenkonflikt blieb jedoch unüberbrückbar. Die Arealbesetzer gaben «ihren» Freiraum nicht auf. In den frühen Morgenstunden des 21. Juni 1988 erfolgte die polizeiliche Räumung des Geländes der Alten Stadtgärtnerei. Unter Polizeischutz begannen unverzüglich die Abbrucharbeiten und damit das eigentliche Startsignal zur Realisierung des Grünparks.



[ Bilderschau ]

Das erhöhte Gelände des Erlenmattparks fällt zum ersten realisierten Wohnblock hin ab und man gewinnt den Eindruck eines erhöht angelegten Beetes. Die verschiedenen Aufenthaltsbereiche des Parks sind zwischen den beiden entsprechenden Abteilungen der Stadtgärtnerei in Aktionsflächen für die kommunikative und sportliche Betätigung und naturbelassene Spontanvegetaion im Sinne eines Landschaftsschutzgebietes heiß umkämpft, wie wir bei einer ersten Begehung erfahren konnten. Im zweiten Teil der Aktion verbetten werden 50 Aufsteller mit bunten Aktenordnerrücken zu Beeten gruppiert. Das anwesende geladene wie das zufällige Publikum ist aufgerufen, Kommentare zur Landschaft aufzuschreiben und in die Rückenlaschen einzustecken. Aus der Aktion ergaben sich viele erhellende Gespräche über die Stadt Basel und den Druck, der von Investorenseite auf dem Stadtraum liegt ...

Unterstützt wird die Fantasie wie schon im ersten Teil der Aktion durch die Claude-Gläser. Einige der Aktenordnerrücken sind mit Streifen kopierter Landschaftsbilder von Claude Lorrain bestückt. Durch den richtigen Blickwinkel können sie wieder zusammen gesehen werden. Interessant erscheint, dass selbst die Ausschnitte noch die "klassische" Sichtweise bewahren können ...




 

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