** zur Übersicht

CaF Info

Paradigmenwirtschaft

[ 2011-07 ] Fluchtmotiv
[ 2011-09 ] Kümmermotiv
[ 2012-09 ] Heimatmotiv
  [ zurück ] Fluchtmotive - Wie entfliehe ich der Kultur

Paradigmen dienen der Betrachtung eines Sachverhalts von je verschiedenen Standpunkten aus. Geht es um Erkenntnis - und hier besonders eine naturwissenschaftliche - so sind Paradigmen durchaus von Nutzen und dienen der Aufklärung über die je aktuelle Vermutung darüber, wie alles so zusammenhängen könnte.

Die Industrialisierung wurde noch unter dem Vorzeichen des Homo faber beschrieben. Mit dem Erreichen der Grenzen des funktional Begründbaren wird das Ende der bloß handwerklichen Bastelei durch den Homo ludens behauptet. Die spielerischen Fluchten bleiben aber weiterhin technischen Ursprungs, allen voran die mobile Musik, vom Phonographen bis zum MP3-Player, die den Rückzug in einen selbst gewählten (Klang)Raum ermöglichen. Ab sofort darf mit allem zweckfrei herumgespielt werden und das Zeitalter des cross-over, der unerwartet platzierten Kreuzungen beginnt mit dem romantischen Ideal der Selbstverwirklichung, heute der Hype rund um's Paradigma Kreativität.

Zu den Plattheiten, die als Paradigma kein einigermaßen belesener Mensch mehr vorgesetzt bekommen mag, die ungeschulte oder mutwillige Schrifttäter aber weiterhin schamlos nutzen, um uns ihre Interessen vorbildhaft als kollektive Motivation vorzuspiegeln, zählen Innovation und Avantgarde. Ersteres hat technischen Ursprung und eignet sich wenig zur Beschreibung geisteswissenschaftlicher Sachverhalte. Zweiteres entspringt einem militärischen Ausdruck im Dienste der Vorspiegelung eines Fortschritts in der Kunst. Darauf aufbauend finden beständig ganz innovative und avantgardistische Paradigmenwechsel statt, die uns unsere Daseinsbestimmung aus den Perspektiven von Dienstleistern, Kommunikateuren, Wissensproduzenten, Kreativagenten und so weiter und so weiter nahe legen. Immer geht es um die Flucht in ein individuelles oder kollektives Selbstbild, vorwärts und zu unbekannten Entdeckungen. Dabei ist die Zeit der Entdecker längst passé, heute ist Tourismus.

Das Fluchtmotiv ist tief in der westlichen Kultur verwurzelt - ja, das was wir heute "Kultur" nennen kann selbst als in der Flucht wurzelnd betrachtet werden: Es geht augenscheinlich weniger um das konkrete Tradieren individueller wie kollektiver Lebenszusammenhänge und Fertigkeiten, als vielmehr um die beständige Behauptung neuer "Landschaften", die bislang noch niemand betreten hat. Diese Geste des regelmäßigen Wechsels der Vorzeichen kann gut und gerne als Paradigmenwirtschaft - eine Art Symptomverschiebung im Kreisverkehr - bezeichnet werden und scheint uns existenziell mit dem Begriffspaar Create and Forget verbunden.



  [* 2011-07-23 bis 2011-07-30 beinschuss ]

Doch Stop, eine Schleife zurück: unsere "klassische Moderne" in der Kunst. Beispielgebend für die hier vertretene Behauptung, Kultur und Kunst entwickelten sich heute paradoxerweise aus einem Fluchtimpuls aus der Kultur, mag die Flucht der Impressionisten aus den stickigen Räumen des Akademismus (in dem alle Schatten grau gemalt zu werden hatten) an die frische Luft dienen, um draußen eigenständig Beobachtungen anzustellen und zu lernen, nur den eigenen Augen zu trauen. Heute würde man dazu Subkultur oder Off-Kultur sagen. Emil Zola beschrieb in seinem Künstlerroman Das Werk eine bis heute so zu beobachtende Szene der mutwilligen Selbstausgrenzung:

Es war fünf Uhr, die Schar ließ nochmals Bier kommen. Stammgäste aus dem Viertel hatten die Nebentische besetzt, und diese Spießer warfen scheele Blicke, in denen sich Geringschätzung mit besorgter Unterwürfigkeit mischte, auf die Ecke der Künstler. [Seite 88]

Was allen Paradigmen gemein scheint, ist die Suche nach einem Ausweg aus der Schwüle der Gegenwart. Die regelmäßigen Wechselangebote zur Anschauung von Welt stilisieren das Konkurrieren um Ressourcen zu Auswegen, suggerieren ein neues Platzangebot für Handlungsspielräume. Der Mensch wird neu, in der Kunst wie in der Ökonomie - und auch am Stammtisch. Politisch motivierte Gebote zur Weltbetrachtung als Inszenierungen einer Umverteilung, sobald ökonomische Sackgassen sichtbar werden und die Bevölkerung nicht mehr ausreichend mit Hoffnung versorgt ist. So wird ein anderes Paradigma wirksam. Die Mangelwirtschaft ist eines der höchsten Kulturgüter und treibt ihr Wesen im Schatten der Überproduktion. "Ich seh etwas, was du nicht siehst" konkurriert mit "ich hab etwas, was du nicht hast".

Nicht von ungefähr werden immer komplexer anmutende Strukturen über immer schlichtere Sachverhalte getextet, was durchaus als Konkurrenzschutz gewertet werden kann. Ganz besonders gilt dies auf dem Feld der Kunst. Der Kunstmarkt flieht in Werke aus Krisengebieten, in Authentizität (ein derzeit unumgängliches Paradigma), die mit künstlerischen Strategien der 70er Jahre auf neuem Terrain agieren. Der "Kulturteil" der Nachrichten illustriert mit Kunst das Paradigma der Freiheit als Exportschlager bei gleichzeitiger Kommerzialisierung aller kulturellen Inhalte.

Wenn alle Mittel bekannt sind, die uns aus diesem einen konsensfähig verfügbaren Kulturmodell alternativlos ein Ein- und Auskommen sichern sollen, steht wieder eine Flucht an ... vielleicht mal ohne Ismus und Paradigma.


 



Impressum | Info