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CaF Info

Paradigmenwirtschaft

[ 2011-07 ] Fluchtmotiv
[ 2011-09 ] Kümmermotiv
[ 2012-09 ] Heimatmotiv
  [ zurück ] Kümmermotiv

Beim Performancefestival { Die Nacht und das Flüstern }* in Basel, 13. bis 24. September 2011, arbeiten wir im Stadtraum. Bereits Ende der 90er Jahre arbeiteten Baseler Künstler_innen - u.a. im Verein k.e.i.m. - an Konzepten der nachhaltigen und anwohnerfreundlichen Nutzung des DB Güterbahnhofareals, dem sogenannten NT-Areal an der Erlenmattstraße / Rosental, im Besitz des Großinvestors Vivico Real Estate GmbH - 2007 veräußert und seit Juli 2011 auch nominell zur CA Immo Deutschland GmbH gehörend, die ein Immobilienvermögen von über 5 Milliarden Euro ausweist. So liegt es für uns nahe, ein weiteres Paradigma für künstlerischen Zugriff zu untersuchen und wir nennen es das Kümmermotiv.

Der Mensch gilt mit seiner Urerfahrung als gebürtig völlig hilfloses Wesen, als ein grundlegend sozial abhängiges Geschöpf. Je nach Qualität der Abhängigkeiten ist die Pflege des sozialen Umfeldes ein Leben lang von Nöten, um die eigene Existenz in einem befriedigenden Maße zu sichern. Auch wenn der Begriff der "Heimat" immer schwammiger zu werden scheint - bisweilen sogar arrogant als hinfällig bezeichnet wird - über das Wursteln im Feld der Abhängigkeiten behält er durchaus Bedeutung. So gestatten wir uns, in unserem zweiten Numisblatt für Basel im Zuge des Aufbaus unseres Tunnels unter der Wettsteinbrücke einige Fragen einzuarbeiten, die die Formen des "sich Kümmerns" rund um die künstlerische Produktion im Stadtraum betreffen:

Wie verändert sich mein Sprechen über Heimat bei wirtschaftlicher Unabhängigkeit?

Wie verändert sich mein Sprechen über Heimat bei wirtschaftlicher Abhängigkeit?

Um dem Kümmern etwas Nachdruck zu verleihen, bauen wir im Rahmen unseres Projektes Create and Forget unsere Tunnelsegmente unter der Wettsteinbrücke (Nordseite) auf. Den Ort, der im Winterhalbjahr als Lagerstelle für Rheinboote genutzt wird, im Sommerhalbjahr Treffpunkt für halbprivate Aktivitäten am Rande der Gastronomiemeile ist, öffnen wir kurzfristig als "Paralleltunnel", der sich für die Befragung von Leerstellen im Städtischen eignet. "Ein Tunnel unter einer Brücke" kann symbolisch wie realräumlich als lyrischer Ansatz zur Tiefenstruktur der Schichtung von Lebensentwürfen stehen, die sich in einer Stadt sammeln - insbesondere die immer aktuellen Fragen zur Auf- und Abwertung von Lebensraum. Städtische Politik bastelt beständig an diesem Problem und dazu stellen wir einige grundlegende Sinnfragen, nicht an die Politik, sondern an uns und den Einzelnen.

Wo beginnt für mich städtisches Leben?

Wo verliert städtisches Leben an Bedeutung?

Stadt bietet die Möglichkeit, sich mehr oder weniger anonym zwischen Menschen zu bewegen, unerwartete Eindrücke und Erfahrungen zu gewinnen, die in kleinen Kommunen eher selten sind. Mit der Installation Wochenende! - zwischendecken in Basler Szenekneipen fügen wir eine weiteres unerwartetes Element dazu: Wir verschenken Spieltischdecken zur Intensivierung der Kommunikation über das zur gleichen Zeit nach mißlungener Besetzung im Mai im Abriß befindliche Kinderspital am Schaffhauserrheinweg, mit dem viele kleine Kindheitsgeschichten von gestauchten und gebrochenen Gliedmaßen, Platzwunden und anderem verarztungswürdigem Unheil verbunden sind, die uns erzählt werden ...

  [* 2011-09-20 und 2011-09-24 NT-Areal Basel ]

Konkrete Einsichten haben wir bei der Recherche zur Arbeit verbetten gewonnen. Wir agieren dort am Ende einer langen Planung, während der sich viele Basler Künstler_innen um eine nachhaltige Urbanität bemüht haben, letztlich aber den Großinvestoren weichen mußten. Letzter Raum in städtischer Hand sind die Parkanlagen und die ehemalige Bahnkantine Erlkönig, für die nun ein neuer Betreiber gesucht wird. Alles Kümmern um Freiräume hat nur Aufschub gebracht, am Ende ist die Gentrifizierung des Erlenmatt womöglich gerade durch diese Aktivitäten noch besser gelungen.

So gesehen, sind viele Bemühungen dem Vergessen anheim gestellt. Bereits in den 80er Jahren - so berichtet der Promenadologe Lucius Burckhardt - wurde eine Gruppe auf dem ehemaligen Gelände der Stadtgärtnerei, heute St. Johannspark aktiv und hat dort einen öffentlichen Garten angelegt. Zunächst von der Bevölkerung freundlich aufgenommen, war diese mehrheitlich entsetzt, als sie in persönlicher Konfrontation mit den Protagonisten der Initiative stand: PUNKS! Vergiß es!

Die städtische Kultur ist mehr als alle anderen Lebensformen dem Vergessen anheim gegeben. Als Brutstätte der Kreativität gebiert sie beständig Neues - und muß dafür Bestehendes vergessen (und dazu Immobiles also abreißen). Manhattan steht auf einer ehemaligen Sklavensiedlung mit Zentrum Central Park. Archäologen habe 10 Jahre prozessiert, um hier graben zu dürfen. Nicht unweit davon steht ein Verwaltungsgebäude auf einem Sklavenfriedhof, notdürftig mit einem kleinen Gedenkplatz gewürdigt, für den sich niemand interessiert. Ein gewisser Teju Cole hat sich angesichts des Rummels um 9/11 mit seinem Buch Open City grade drum gekümmert ...

Kümmern bedeutet immer wieder, das Fremde in die nach Monokultur strebenden Gesellschaften zu tragen, mit der Gewissheit, dass die gewonnene "Heimat" immer nur eine auf Zeit sein könnte. Das Kümmern aber aufzugeben würde vielfach bedeuten, den Zugriff auf den eigenen Lebensraum alternativlos systemischen Mechanismen zu überlassen. So können wir das Kümmern selbst, die beständige Produktion von "Heimat", als deren Paradigma ausmachen, und das Interessante an diesem Eindruck: Selbst wir als Außenstehende entwickeln dadurch zu uns bislang völlig fremden Orten eine Beziehung, die uns - und ggfs. auch die Anwohner_innen - weiter bringt:

Mit den Fragen im Rahmen der Arbeit verbetten [1] & [2] an die Anwohner_innen, die sich auf die Vorstellungen von Landschaft und ideale Lebensumgebung beziehen, hoffen wir, einen Beitrag auch noch in der "Spätphase" der Erlenmattentwicklung geleistet zu haben.

Für Basel ist positiv zu bemerken, dass trotz des erhöhten Immobiliendrucks auf den Stadtraum eine gewisse Sorgfalt in der Zwischennutzung und im Erhalt einiger Gelände- und angestammten Bebauungselemente durchaus das Interesse der Stadt findet und den Investoren nicht komplett alles überlassen wird. Während aufgrund unseres ersten Besuches im März 2011 dieser Eingriff noch am Fazit zur abschließend feststehenden Aufwertung des NT-Areals arbeitet, grummelt es bereits an anderer Stelle: Ein Teil des alten Hafengebiets soll an Stelle des alten Kontainerhafens aufgewertet werden (Projekt 3Land). Uns dort noch kundig zu machen, hat die verbleibende Aufenthaltszeit allerdings nicht erlaubt ...

 



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